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Mittwoch, Oktober 5, 2022
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Cannabis als Nutzplanze

Cannabis ist eine der ältesten und wertvollsten Kulturpflanzen der Menschheit. Die Geschichte von Hanf lässt sich mehr als 10.000 Jahre zurückverfolgen. Ursprünglich im Orient und Asien verbreitet, kam der Hanf über Handelswege, Nomadenvölker und das Weltreich der Römer auch zu uns.

Hanf ist eine uralte Kulturpflanze

Die ältesten Zeugnisse des Hanfanbaus sind etwa 12.000 Jahren alt. Funde in Persien sowie China weisen darauf hin, dass Hanf als Getreide und Ölsaat angebaut wurde. Damit zählt die Hanfpflanze zu den ältesten und vielseitigsten Kulturpflanzen dieser Erde.

Nutzungsmöglichkeiten von Hanf:

• Essbare Samen mit hohem Nährwert.
• Öl als Nahrung, Schmiermittel und Brennstoff.
• Hanffasern für Kleidung und Seile.
• Medizinische Nutzung.

Hanfsamen sind reich an Proteinen und Fettsäuren, sie können als Snack genossen oder zu Mehl verarbeitet werden.
Vermutlich nutzten Chinesen und Völker des Orients Hanf schon sehr früh als Grundlage für Kleider. Die Hanffaser ist mit Sicherheit neben Flachs eine der ältesten Textilfasern der Welt.

Die medizinische Nutzung von Hanf ist mindestens 5.000 Jahre alt.

Aus „Qunnu-Bum“ wurde „Cannabis“

Um 1.700 vor Christus erwähnten die Assyrer Hanf in ihren Schriften unter dem Namen „Qunnu-Bum“, was „würzige Rohrpflanze“ bedeutet. Im Lateinischen wurde daraus zunächst „Cannabum“ und dann „Cannabis“.

Die Verbreitung des Hanf in Europa wird unter anderem dem Nomadenvolk der Skythen zugeschrieben. Aus den eurasischen Steppen brachen die reisefreudigen Reiter der Skythen ab 800 v. Chr. zu mehreren Wanderungen in den Westen auf, wo sie unter anderem auf die Römer trafen. Skythen nutzten Hanf als Kleidungsfaser, für Seile und als Nahrung.

Cannabis im alten Rom

Im römischen Weltreich der Antike war Hanf vor allem wichtiger Faserlieferant für die Seilerei.

Pedanius Dioscorides war ein griechischer Botaniker, Heiler und Autor, der zwischen 50 und 70 n. Chr. als Truppen-Arzt in der römischen Armee diente.
Sein Werk „De Materia Medica“ umfasste das Heilwissen von 600 Pflanzen und über 900 heilenden Essenzen.
Er nutzte Hanfsamen zur Milderung des sexuellen Verlangens der Soldaten. Ausserdem wurde aus den saftigen Pflanzenteilen ein Elixier gegen „Ohrwürmer“ hergestellt.

Etwas später berichtete der römische Dichter Ovid vom Genuss einer „Pflanze mit palmförmigen Blättern, die Freude, Euphorie und mörderischen Heisshunger“ verursachte.

Die Geschichte von Cannabis als Heilpflanze

  • Hanf wurde schon lange vor den Römern und bis in die Neuzeit als Heilpflanze genutzt:
  • Shennong Agrar- und Heilpflanzenbuch, China, vor ca. 5.000 Jahren: bei Nervenleiden, Verstopfung, Frauenkrankheiten, Gicht, Malaria, Rheumatismus und Geistesabwesenheit.
  • Papyrus Ebers, Ägypten, 16. v. Chr.: Heilmittel „für den Zehennagel“.
  • Pedanios Dioskurides, Arzt aus Griechenland, 512 n. Chr.: wärmend und austrocknend bei Leiden gemäss der Vier-Säfte-Lehre.
  • Schriften aus der orientalischen und islamischen Welt, 1. und 2. Jhd. n. Chr.: bei Wurmbefall, Schmerzen, Nerven- und Augenleiden.
  • Hildegard von Bingen, Deutschland, 12. Jhd.: bei Übelkeit und Magenschmerzen.
  • 1900 war Hanftinktur in den Apotheken Mitteleuropas noch so gebräuchlich wie Kamillentee und Baldrian.

Edle Kleider, Papier und Rohstoff für die Schifffahrt

Trotz der vielseitigen medizinischen Nutzbarkeit kam der Hanffaser in Europa die grösste wirtschaftliche Bedeutung zu. Durch Brechen und Walzen der Hanf-Stängel trennen sich äußerst stabile und spinnbare Fasern vom Rest der Pflanze.

In Mitteleuropa entdeckten die Fürsten und Adeligen bald den Nutzen der Pflanze als edler textiler Rohstoff. Grabfunde der Merowinger Könige (heute Franken in Deutschland) belegen die Herstellung feinster Hanf-Stoffe für die Adeligen ab dem 5. Jhd. n. Chr.

Im Jahr 1455 druckte Gutenberg die erste Bibel auf reinem Hanfpapier. Die Kunst der Papierherstellung mit Hanf entstand 100 v. Chr. in China. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurde Papier fast nur aus Hanf hergestellt.

Als Kolumbus 1492 nach Amerika segelte, bestanden das Tauwerk und die Segeltücher der Schiffe aus Hanf. Kolumbus führte die Pflanze in Form von Geschenken an die Ureinwohner in Amerika ein.

1776 unterzeichneten die Nachfahren der europäischen Siedler im Norden Amerikas einen ersten Entwurf der US-amerikanischen Verfassung und Unabhängigkeitserklärung auf Hanfpapier.

Der nach Amerika ausgewanderte deutsche Textilfabrikant Levi Strauss produzierte 1870 seine erste Jeans-Hose aus Hanf.

Cannabis erhellte die Welt

Heute zählt Hanföl als eines der besten und teuersten Speiseöle der Welt und niemand käme auf die Idee, es einfach anzuzünden.

Tatsächlich war Hanföl aber lange das meistgenutzte Lampenöl in Europa. Erst im 17. Jahrhundert verlor Cannabis seine lichtbringende Bedeutung in den Strassen und Wohnstuben der Menschen. Verdrängt wurde das wohlriechende Hanföl zunächst durch billiges (und übel riechendes) Walfett, dann durch Brennstoffe wie Kerosin.

Der Niedergang der Hanfindustrie

Mit dem Aufkommen der Baumwolle ab dem 18. Jahrhundert und dem Import billiger Jute-Faser aus Indien verlor Hanf seinen Rang als wertvoller Textillieferant.
Als bekannt wurde, dass Papier auch aus damals noch massenhaft verfügbarem Holz hergestellt werden kann, entwickelte sich Hanfpapier zu einem Nebenprodukt.

Durch die Fortschritte der synthetischen Pharmaindustrie verschwand der Hanf nach dem Krieg aus den Apotheken.
Lediglich in der Seilerei, Farben- und Lackproduktion sowie Industrie (Schmieröl) war Hanföl noch gefragt.

Ein weiterer grosser Niedergang erfolgte, als die USA den ehemals frenetisch geförderten Hanfanbau zu Beginn des 19. Jahrhunderts zugunsten der Baumwoll-Produzenten und synthetischen Pharmaindustrie verbot.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Hanfanbau in USA und in Europa wieder gefördert. Bald nach dem Krieg kamen durch Kunstfasern und die Drogenproblematik das endgültige Aus für den Hanf. Die Weltmarktpreise brachen dramatisch ein und immer mehr Länder erliessen strikte Anbauverbote, von denen selbst THC-freie Nutzhanfsorten betroffen waren.

Hanf feiert ein grosses Comeback

Ab den 1990er Jahren nahm das Interesse an Hanf zu.

Vor allem Hanföl geriet wieder in den Fokus von gesundheitsbewussten Menschen. Biologisch produzierte Hanffasern waren ein begehrter Ersatz für zunehmend mit Pestiziden verseuchte Baumwolle und Kunstfasern.

Die Klage eines Interessenverbundes führte 1996 zur Legalisierung der THC-freien Nutzhanfsorten in Deutschland und 2017 erlaubte auch die Schweiz wieder den Anbau dieser wertvollen Kulturpflanze.

Aufgrund der guten Verträglichkeit werden Hanfkosmetika insbesondere für Allergiker immer interessanter.

Das Interesse an Hanf nahm weiter zu, seit die Wirkstoffgruppe der Cannabinoide in den Fokus der Medizin gerückt ist. Aus THC-armen Cannabis-Sorten wird das Cannabinoid CBD (Cannabidiol) gewonnen, das inzwischen in einer Vielzahl von Nahrungsergänzungsmitteln und als Kosmetika angeboten wird.

Die medizinische Forschung arbeitet längst nicht nur mit THC-freien Sorten. THC beziehungsweise medizinisches Cannabis etablieren sich derzeit zur Behandlung chronischer Schmerzen bei Patienten mit schweren Erkrankungen und bei psychischen Leiden als Ersatz für Psychopharmaka.

Die Stimmen, THC und Marihuana endgültig zu legalisieren, werden in der Schweiz und in anderen europäischen Ländern immer lauter. Eine Vorreiterrolle nehmen hier die USA ein: 19 Bundesstaaten haben Cannabis und Marihuana zum Genuss für Menschen ab 21 Jahren

Die Geschichte von Cannabis ist längst nicht zu Ende

Wussten Sie, dass diese Wunder-Pflanze derzeit als Plastik- und Fleischersatz im Gespräch ist?

Schon 1941 präsentierte der US-amerikanische Autobauer Henry Ford sein „Hanfmobil“: die Karosserie, Armaturen und textile Ausstattung bestanden komplett aus Hanf, ausserdem wurde der Wagen mit Hanföl betrieben. Heute würden wir sagen, dass dies ein Auto mit der besten nur erdenklichen CO₂-Bilanz wäre.

Aus dem Rohstoff Hanf werden derzeit schon Dämm- und Isolierstoffe herstellt. Die Forschungen zu Hanfzellulose als Basis zur Herstellung von Zellophan, Zellwolle, Zelluloid und einer Vielzahl verwandter Kunststoffe laufen derzeit auf Hochtouren.

In Neuseeland wird das „Sustainable Foods“-Projekt demnächst eine ganze Reihe an Fleischersatz-Produkten auf Hanfbasis einführen. Das Sortiment soll Hackfleisch, Burger, Würstchen und Fertiggerichte umfassen.

Die Geschichte des Hanfs als Nutzpflanze für die Menschen geht derzeit also in eine neue Runde und wir dürfen gespannt sein, welche Möglichkeiten uns Hanf zukünftig noch bieten wird.

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